Good Practice

"Wir wollen dazu beitragen, gesellschaftliche Probleme zu lösen"

Redaktion

 


 

Gründerinterview: Polarstern

Der Energieversorger Polarstern wurde im Jahr 2011 gegründet. Der von Polarstern bereitgestellte Ökostrom wird zu 100 % aus regionaler Wasserkraft gewonnen, Ökogas ausschließlich aus organischen Reststoffen erzeugt. Polarstern arbeitet nachhaltig und will einen weltweiten Beitrag zur Energiewende leisten.

 

StartGreen: Wer und was ist Polarstern?

Jakob Assmann: Polarstern ist ein Energieversorger, der jedem Menschen, Privat- und Geschäftskunden, den Umstieg auf erneuerbare Energien ermöglicht; durch Strom aus deutscher Wasserkraft und Gas, das zu 100 Prozent aus organischen Abfallstoffen gewonnen wird. Wir verbinden das Ganze mit einem weltweiten Ausbau der Erneuerbaren. Das heißt, für jeden Kunden der in Deutschland zu Polarstern wechselt, unterstützen wir eine Familie in einem Entwicklungsland beim Umstieg auf erneuerbare Energien.

StartGreen: Wie viele seid Ihr bei Polarstern und wie setzt sich Euer Gründerteam zusammen?

Jakob Assmann: Das Gründerteam sind drei Personen: Angefangen haben Florian, Simon und ich 2010. Momentan sind wir ungefähr 15 Leute, die Vollzeit bei Polarstern arbeiten.  

StartGreen: Und was waren Eure Beweggründe Polarstern zu gründen?

Jakob Assmann: Zunächst haben wir uns zusammengesetzt und analysiert, wo sind denn noch Themen, die man bearbeiten kann. Wir wollten alle etwas gestalten, etwas aufbauen und dabei aber auch etwas Sinnhaftes machen; dazu beitragen gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Für uns ist der Umstieg auf erneuerbare Energien und die Abkehr von den fossilen Brennstoffen die größte Aufgabe unserer Generation. Da ist zum einen der Wärmemarkt: Die deutsche Energiewende ist sehr fokussiert auf das Thema Elektrizität, wobei der Wärmemarkt (Gasmarkt) noch zu 99 Prozent fossil ist. Wenn man komplett umsteigen will auf erneuerbare Energien braucht man auch ein erneuerbares Wärmeprodukt und so haben wir uns entschieden ein solches zu entwickeln. Zweitens ist die Fokussierung auf Deutschland unseres Erachtens nicht zielführend. Die Energiewende muss weltweit umgesetzt werden, um den Klimawandel aufzuhalten.

 

Nachhaltigkeit

StartGreen: Apropos Energiewende: Könnt ihr euren konkreten Beitrag zum Umweltschutz beziffern? Gerade auch im Vergleich zu anderen grünen Energieversorgern.

Jakob Assmann: Natur- bzw. Ökostrom bieten viele an – allein in Deutschland gibt es über tausend Stromanbieter und über 600 Gasversorger.  Aber wir sind der einzige Energieversorger, der ausschließlich erneuerbare Energien verkauft. Im Strombereich gibt es schon viele Ökostromanbieter, die jedoch im Gasbereich auch mit Erdgas handeln. Wir wollen zeigen, dass es anders geht und ein System aufbauen, das ausschließlich auf erneuerbaren Energien basiert.

Der direkte Output, den man messen kann sind folglich die vermiedenen CO2-Emissionen unserer Kunden. Jeder der zu uns wechselt spart CO2-Emissionen, welche man berechnen kann. Vor allem beim Erdgas ist das eine ganze Menge, da unser Ökogas ausschließlich aus organischen Abfallstoffen produziert und somit quasi klimaneutral hergestellt wird.

StartGreen: Viele können sich unter Ökostrom etwas vorstellen: Strom aus Wind- Wasser- und Sonnenenergie. Aber kannst du uns noch einmal die Produktion von Ökogas aus organischen Abfallstoffen näherbringen?

Jakob Assmann: Als wir begonnen haben, wurden die meisten Biogasanlagen noch mit Nutzpflanzen wie Mais betrieben, was jedoch nur bedingt sinnvoll ist. Man kann stattdessen auch organische Abfälle vergären und fermentieren und daraus Methangas erzeugen. Um dies skalierbar zu machen, braucht man jedoch eine große Menge an Abfällen. Deshalb arbeiten wir mit einer Zuckerfabrik zusammen und verwenden deren Abfälle. Wir bringen diese in eine Biogasanlage ein, die biogenen Reststoffe vergären und das dabei entstandene Gas wird ins lokale Gasnetz eingespeist. Das Ziel ist, Stoffkreisläufe zu schließen bevor extra Pflanzen dafür angebaut werden.

StartGreen: So ist also neben der Energiewende auch Ressourcenschonung ein wichtiges Thema von Polarstern?

Jakob Assmann: Absolut! Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, was Energieproduktion eigentlich bedeutet. Wir produzieren diese Energie relativ aufwändig. Deshalb soll sie so sparsam wie möglich genutzt werden, auch wenn sie erneuerbar ist und dadurch prinzipiell endlos verfügbar.

 

Geschäftsmodell

StartGreen: Kannst du noch ein bisschen genauer darauf eingehen, wie genau das Geschäftsmodell von Polarstern aussieht? Wie werden Umsätze und Gewinne generiert und was ist Euer USP (Alleinstellungsmerkmal)?

Jakob Assmann: Wir sind ein Energieversorger, das funktioniert folgendermaßen: Wir kaufen Bio-strom von Wasserkraftwerken bzw. Biogas von Biogasanlagen und speisen dieses für unsere Kunden ins Netz ein. Letztendlich ist es ein Handelsgeschäft: Wir kaufen große Mengen, stückeln sie in kleine Tranchen und verkaufen es an Endkunden mit einer kleinen Marge.

Das Alleinstellungsmerkmal ist unser Ökogasprodukt aus 100 Prozent organischen Abfallstoffen zu einem absolut wettbewerbsfähigen Preis. Zudem unsere Komponente des weltweiten Ausbaus der erneuerbaren Energien, aktuell in Kambodscha. Dort errichten wir für Kleinbauernfamilien Mikro-Biogasanlagen von sechs Kubikmetern, die mit dem Dung von zwei Kühen oder vier Schweinen genug Energie produzieren können und somit Brennholz oder Kohle ersetzen

 

Finanzierung

StartGreen: Wie kommt man als grünes Start-up an Geld? Wie seid Ihr zu Beginn finanziert worden und wie habt Ihr das vor allem am Anfang gemacht?

Jakob Assmann: Als erstes muss man sich fragen: Was braucht es denn wirklich? Hohe Gehälter, etc. sind am Anfang einfach nicht drin.

Anfangs haben wir uns überlegt wie man ein Gasprodukt handelbar macht und ein europaweites  Handelssystem für Biogasreststoffe entwickelt. Dabei wurden wir durch das EXIST-Programm gefördert und bekamen ein Stipendium von dem wir leben konnten.  Aus dem EXIST-Programm heraus entwickelte sich dann der Kontakt zu einem Mentor, der uns anschließend als Business-Angel unterstützt hat. Letztendlich hat man als grünes Start-up immer eine gute Geschichte zu erzählen und findet immer Leute, die einem Geld geben wollen.

 

Marktzugang

StartGreen: Wie habt Ihr die Herausforderung bewältigt und die ersten Kunden gefunden?

Jakob Assmann: Zunächst einmal bieten wir ein Produkt an, das im Grunde genommen jeder braucht. Da ist man schnell versucht zu sagen, unsere Zielgruppe ist jeder, der einen Stromanschluss besitzt. Das ist schwierig, denn wenn man nicht zielgruppengenau kommuniziert, kommuniziert man mit niemandem. Deshalb haben wir uns auf eine nahe Zielgruppe fokussiert: junge Menschen um die 30, die ökologisch denken und handeln.

Aber auch die Zusammenarbeit mit anderen Marken wie Coffee Circle, Patagonia oder Vaude hat sich bewährt. Diese erzählen ihren Kunden unsere Geschichte und wir wiederum auch unseren Kunden deren Geschichte.

StartGreen: Wenn ich z.B. in den Supermarkt gehe, treffe ich dort jedes Mal eine neue Kaufentscheidung, die Entscheidung für den Energieanbieter treffe ich einmal und dann bin ich zunächst versorgt. Folglich stelle ich es mir schwierig vor, die Kunden zu überzeugen zu Euch zu wechseln. Welche Tricks wendest Du an, um Kunden zu gewinnen?

Jakob Assmann: Was man in jedem Fall braucht, ist einen langen Atem. Man braucht vielmehr Kontaktpunkte bis zum Kunden als ein klassisches Produkt. Man darf sich nicht abbringen lassen und muss diese immer wieder dran erinnern. Immer wieder neue Argumente liefern, warum man zu Polarstern wechseln soll und irgendwann wechselt eigentlich jeder. Es ist nur die Frage, wie schaff ich es solange mit dem potentiellen Kunden in Kontakt zu bleiben, um ihm immer wieder etwas über Polarstern erzählen zu können.

 

Empfehlung

StartGreen: Hast du zum Ende noch eine Empfehlung für die grünen Start-ups?

Jakob Assmann: Vielleicht noch ein Satz zum Thema Finanzierung: Jedes Start-up sollte sich fragen: Passt die Art der Finanzierung zu mir als Unternehmer? Ich kann keinen klassischen VC annehmen, wenn ich eigentlich langfristig für mein Unternehmen plane. Das geht bei Exit-Orientierung und extremer Geldfokussierung, wo es um finanzielle Profitmaximierung geht und der ökologische und soziale Profit nur eine untergeordnete Rolle spielen. Es sollte jedem klar sein: Sobald man solche Investoren mit reinnimmt, gibt man ganz viel von seiner unternehmerischen Freiheit auf und wird zu Zielen gedrängt, die vielleicht gar keinen Sinn machen, aber in irgendwelchen Excel-Sheets gut aussehen.

Man sollte von Anfang an ehrlich zu sich selbst sein und sagen: Warum mache ich das? Warum gründe ich? Was will ich bewegen in meinem Leben? Und aufpassen nicht in etwas hereinzuschlittern, was man am Anfang gar nicht wollte.

StartGreen: Vielen Dank für das Gespräch!


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