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Virtuell fürs Leben begeistern

© Rolf Schulten - Borderstep

Redaktion

visionYOU ist eine Kreativagentur für digitale Bildung. Für das innovative Konzept wurde das Gründungsteam mit dem Sonderpreis „Neue Perspektiven“ des StartGreen Awards 2017 ausgezeichnet. StartGreen sprach mit visionYOU über den Zusammenhang von Geschlechterklischees und Nachhaltigkeit und was Coding damit zu tun hat.

Was genau ist die Unternehmensidee von visionYOU?

visionYOU ist eine Kreativagentur für digitale Bildung. Wir entwickeln multimediale Bildungskonzepte für Schulen und Lehrkräfte und bieten Unterstützung bei der Umsetzung. Die Idee dahinter: Wir bringen das Beste aus der Unterhaltungsbranche mit den Bildungsinhalten in der Schule zusammen. Durch unsere zielgruppengerechten Angebote wecken wir Begeisterung für Bildung.

Wie sieht euer Geschäftsmodell aus? Was unterscheidet euch von anderen Bildungsdienstleistern?

Unsere Einnahmen generieren wir über ein diversifiziertes Geschäftsmodell. Unsere Umsätze erwirtschaften wir über Kursgebühren für unsere Projektwochen, Jahresbeitragsmodelle für unsere Unternehmenspartner und Lizenzgebühren für die Nutzung und den Einsatz unserer Unterrichtskonzepte.

Ihr habt euch erst 2017 gegründet und seit somit noch frisch in der Gründerszene. Gibt es bestimmte Herausforderungen speziell in eurer Branche?

Ja, auf jeden Fall. Unser Bildungssystem ist vergleichbar mit einem großen schweren Tanker. Richtungsänderungen sind nicht einfach binnen kürzester Zeit möglich. Hier braucht es einen besonders langen Atem und starken Veränderungswillen. Die Strukturen sind zum Teil sehr starr und echte Veränderungen können eben nur gelingen, wenn man sich traut, Neues auszuprobieren. Das System Schule greift gerne auf Bewährtes zurück, um keine Fehler zu machen. Schnell fühlen sich die Menschen, die wir unterstützen wollen, persönlich angegriffen. Das mussten wir erst lernen. Denn jemandem etwas Neues, Innovatives und sogar Zeitersparendes nahezubringen, ohne ihm gleichzeitig das Gefühl zu geben, dass die bisherige Arbeit nicht gut war, ist für uns eine neue Herausforderung, die viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Wir Gründerinnen und Gründer kommen aus der Wirtschaft. Dort mussten wir Dinge und Abläufe ständig hinterfragen und nach Verbesserungen suchen. Kein Unternehmen kann sich Stillstand erlauben. Die Kunden wollen ständig Neues ausprobieren, immer den „heißesten Scheiß“ am Markt kaufen. Warum sollte das bei Kindern und Jugendlichen anders sein?

Auch Bildung braucht Begeisterung, heute mehr denn je. Denn Tatsache ist: Verlassen die Jugendlichen nach einem Sechsstundentag den Kosmos Schule, werden sie wieder zu Konsumenten und sind es gewohnt, auch als solche behandelt zu werden. Von uns werden sie zielgruppengerecht und emotional angesprochen.

Seit kurzem seid ihr Teil der „Initiative Klischeefrei“ des Bundesinstituts für Berufsbildung. Auf welche Weise unterstützt visionYOU eine geschlechtsneutrale Berufs- und Studienwahl?

Unser bisher erfolgreichstes Angebot ist die visionTour – eine multimediale und erlebnisreiche Berufsorientierung an Schulen mit interaktiven Elementen in unseren Partnerunternehmen. Die visionTour umfasst drei Stufen: Virtuelle Impulse, reale Abenteuer und Peer-to-Peer Austausch. In der ersten Stufe bringen wir den Jugendlichen die Vielfalt von Ausbildungsberufen nahe. Dazu entwickeln wir eigene Filme in unterschiedlichen Formaten.

Bei der Besetzung der Protagonistinnen und Protagonisten setzen wir bewusst auf eine atypische Rollenbesetzung. Das machen wir insbesondere, weil bestimmte Berufe stark mit Geschlechterklischees besetzt sind. Mit unseren Filmen schaffen wir ein Gegengewicht.

Der Erfolg gibt uns recht. Wir haben Mädchen für Metallberufe begeistern können und Jungs fürs Sozialwesen. Es geht uns nicht darum, den Trend ins gegenteilige Extrem umzukehren. Was wir uns wünschen, ist eine geschlechterneutrale Berufswahl. Dafür muss man jungen Menschen aber Vorbilder geben, durch die sie sich angesprochen und repräsentiert sehen. Und genau das machen wir.

Welche Erfolge konntet ihr bisher erzielen?

Sie meinen abgesehen von der Ehrung mit dem StartGreen Award? Der für uns persönlich wichtigste Erfolg war die erfolgreiche Pilotierung unserer visionTour. Wir haben monatelang an der Entwicklung von Konzepten und Inhalten gesessen und Videos produziert, ohne zu wissen, ob es uns gelingen wird, die Jugendlichen zu begeistern und gleichzeitig Lerninhalte zu vermitteln. Als uns das Feedback vorlag und wir auch persönlich mit den beteiligten Lehrkräften gemeinsam reflektieren konnten, hätten wir glücklicher nicht sein können. Was wir vor allem als Erfolg verbuchen, ist das wachsende Vertrauen in unsere Leistungen und uns als Menschen.

Mittlerweile haben wir auch erfolgreiche Coding-Workshops mit Grundschulkindern durchgeführt, und es wurden Projektwochen zu anderen Themen bei uns angefragt. Hier stecken wir inmitten der Planung und freuen uns auf neue Filme, Eindrücke und Kooperationen.

Eine besondere Ehre ist es, dass wir zu den Top 10 Bewerbern um den gehören. Wir sind als Social Entrepreneure gestartet und behalten diesen Kurs bei. Das bedeutet für uns jedoch, größere Hürden in Kauf zu nehmen. Die wenigsten wollen in ein Start-up investieren, dessen primäres Ziel nicht die Ausschüttung hoher Dividenden ist, sondern das in erster Linie einen hohen gesellschaftlichen Mehrwert stiften will. Umso schöner ist es daher, dass es Organisationen wie die Social Entrepreneurship Akademie (SEA) gibt, die diese Bemühungen anerkennt und junge Sozialunternehmen fördert.

Was hat die Teilnahme am StartGreen Award für visionYOU gebracht?

In erster Linie Bestätigung. Der Award kam zu einer Zeit, in der wir uns noch den Mund fusselig geredet haben und die meisten bis dato gar nicht richtig verstanden haben, was wir da eigentlich machen. Uns ist Nachhaltigkeit sehr wichtig. Der Austausch mit Gleichgesinnten ist immer eine willkommene Abwechslung. Abgesehen davon bringt so ein Preis natürlich auch Aufmerksamkeit und das schafft neue Anfragen. Ich bin überzeugt, dass uns der Preis darin unterstützt hat, Vertrauen zu schaffen.

Welche Tipps habt ihr für die diesjährigen Bewerberinnen und Bewerber des StartGreen Awards?

Mitmachen lohnt sich! Und wenn es mal nicht klappt, dann auf keinen Fall entmutigen lassen. Ich rate allen Bewerberinnen und Bewerbern dazu, die Bewerbung dafür zu nutzen, das eigene Geschäftsvorhaben zu überdenken, zu überarbeiten und in die richtige Richtung zu lenken. Uns hat es auf jeden Fall auch inhaltlich weitergebracht.

Seit 2018 kooperiert visionYOU mit ICS International GmbH, um die digitale Transformation im Bildungsbereich voranzutreiben. Was ist weiterhin für die Zukunft von visionYOU geplant?

Eine ganze Menge, wo soll ich da anfangen? Wir sind ja Visionäre und Überzeugungstäter (sonst würden wir uns diesen Stress auch gar nicht antun). Insofern haben wir uns jede Menge Ziele für die Zukunft gesteckt.

Zum einen wollen wir noch ganz viele innovative Projektwochen gemeinsam mit den Schulen umsetzen. Unsere Erfahrung hat aber auch gezeigt, dass die Medienbildung für den Übergang von Schule in den Beruf ein zentrales Thema ist. Seither setzen wir auf die Medienbildung einen verstärkten Fokus. Aus unserer Sicht kann Medienbildung nur dann gelingen, wenn wir bei den Lehrkräften, ja sogar bei den Lehramtsstudierenden ansetzen. Deshalb planen wir zukünftig ein umfassendes Weiterbildungsangebot für Lehrkräfte. Aktuell sind wir in Abstimmungen mit der TU Berlin, hier planen wir sogar die Begleitung und Umsetzung einer ganzen Vorlesungsreihe. Ich möchte noch nicht zu viel verraten, aber es wird auf jeden Fall bildstark, interaktiv und natürlich multimedial.

Unsere Programmierkurse für die Kleinsten wollen wir zeitnah auf viele Brandenburger Grundschulen ausweiten. Und in Bezug auf unsere visionTour? Hier haben wir unser Angebot noch verfeinert, sodass wir bis Ende 2019 eine ganze Bandbreite an engagierten regionalen Unternehmenspartnern an Bord haben werden.

Der Kurs steht ganz auf Wachstum: Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, neue Produkte, neue Partnerunternehmen und zwischendrin finden wir hoffentlich auch ein bisschen Zeit für Urlaub.


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Die Inhalte des Bereichs Tools wurde unter Zusammenarbeit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (apl. Professur für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit und An-Institut Sirius Minds) und dem Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit erstellt.

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