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Der Preisträger in der Kategorie Gründungskonzept Sulfotools im Interview

Redaktion

Sulfotools: Ersatz giftiger organischer Lösungsmittel im chemischen Herstellungsprozess

 

Was bedeutet für Sie der Gewinn des StartGreen Awards?

Der Gewinn des Start Green Awards ist für uns eine tolle Bestätigung, dass auch der Öffentlichkeit die ökologische Nachhaltigkeit in einem weniger zugänglichen Sektor wie der chemischen Industrie sehr wichtig ist. Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung und die Möglichkeit mit unserer Technologie einen kleinen Beitrag zum Umdenken der Gesellschaft leisten zu können und sehen es als Bestätigung unserer Arbeit an.

 

Wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Projekt?

Der Grundbaustein für unsere Technologie war eine Zufallsentdeckung im Labor im Rahmen der Dissertation von Sascha Knauer, wobei das Grundmolekül für unsere Technologie entstand. Sascha erkannte das Potential, entwickelte daraufhin die Clean Peptide Technology und gründete zusammen mit seiner langjährigen Kollegin Christina Uth Sulfotools.

 

Wer hat Sie dabei unterstützt?

Bei dem EXIST-Forschungstransfer Antrag haben wir Unterstützung vom Highest Gründungszentrum der TU Darmstadt bekommen. Sehr hilfreich war natürlich auch die Teilnahme am Climate-KIC Programm, dem Science4Life Venture Cup 2015, dem Merck Accelerator und den damit verbundenen Coachings und vor allem Netzwerken. Auch Prof. Dr. Harald Kolmar hat die Ausgründungsidee stark gefördert und steht uns nach wie vor mit seiner Expertise zur Seite.

 

Welche Geldquellen haben Sie gesucht? Wie konnten Sie Investoren überzeugen?

Wir haben uns zuerst nach öffentlichen Förderungen umgeschaut und mit Erfolg den EXIST-Forschungstransfer Phase I beantragt. Seit August 2015 sind wir darüber für 18 Monate voll finanziert. Über weitere potenzielle Investoren haben wir uns informiert, aber im Moment evaluieren wir noch intern, wer strategisch am besten zu uns passen könnte.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie an Ihrem Beispiel für grünes Gründen in Deutschland?

Basierend auf unseren Erfahrungen muss gesagt werden, dass es in der chemischen Industrie nicht einfach ist, Leute dafür zu begeistern, ein Jahrzehnte lang bestehendes Verfahren zu ändern, nur weil es eine „grünere“ Optimierung dafür gibt. Dies ist ein netter Nebeneffekt, der sich zwar für das Marketing gut ausnutzen lässt. Ein zwingender Entscheidungsgrund zugunsten der neuen Technologie ist es definitiv nicht. Hier wird es erst interessant, wenn mit dem neuen Verfahren auch tatsächlich Geld eingespart werden kann. Die Halbierung der Produktionskosten ist zum Beispiel ein entscheidender Faktor und nicht die Einsparung von x-Tonnen CO2.

Das wird ein großes Problem für viele Leute darstellen, die zwar tolle Ideen haben, denen aber ein entsprechender Investor oder strategischer Partner fehlt. Hier bedarf es eines guten Netzwerks, das in solchen Fällen Starthilfe leisten kann. „Money rules the world“ (nicht nur auf unserem Feld) und wahrscheinlich haben es aus diesem Grund viele innovative Ansätze nicht raus in die Welt geschafft.

In unserem Fall können wir zum Glück sowohl den ökonomischen als auch ökologischen Aspekt bedienen, so dass wir von verschiedenen Firmen, die in unserem Bereich eine sehr wichtige Rolle spielen, sehr positive Resonanz erhalten haben. Wir sind daher zuversichtlich, dass Sulfotools sich auch nach dem Auslaufen der Förderungsphase durch das EXIST-Programm etablieren und auf eigenen Beinen stehen kann.

 

Was leistet Ihr Projekt für den Klimaschutz? Wie trägt es zum Wandel in der Gesellschaft bei?

Durch den Ersatz giftiger organischer Lösemittel (welche im Laufe des etablierten Herstellungsprozess im Multitonnenmaßstab anfallen) mit Wasser ergeben sich viele klimaschutzrelevante Vorteile.

Zum einen kann mit der von Sulfotools entwickelten Technologie zukünftig im Produktionsprozess fast vollständig auf N,N-Dimethylformamid (DMF; das gängigste Lösemittel in der industriellen Peptidsynthese) verzichtet werden. Der Einsatz von DMF ist mit erheblichen Gesundheits- und Umweltrisiken assoziiert; es ist toxisch und teratogen und nach REACH Verordnung als besonders besorgniserregend eingestuft. Die Einstufung als fruchtschädigende Chemikalie führt dazu, dass in der industriellen Produktion von Peptiden fast ausschließlich Männer eingesetzt werden.

Zum anderen müssen die bislang eingesetzten Lösemittel am Ende des Produktions- und Reinigungsprozesses als Sondermüll entsorgt werden, da ein Recycling sich in den allermeisten Fällen wirtschaftlich nicht lohnt. In der Regel werden organische Lösemittel als Sondermüll in speziellen Anlagen verbrannt, was zu einer gigantischen Freisetzung von CO2 führt.

Darüber hinaus können wir ein Verfahren zur Aufbereitung des nach unserem Prozess entstehenden Abwassers anbieten sowie ein real-time monitoring des Reaktionsfortschrittes, was die industrielle Peptidsynthese deutlich effektiver machen wird. Für Firmen, die in diesem Bereich arbeiten, bietet unsere Möglichkeit daher nicht nur den großen Vorteil ihre Produktion ressourcenschonender und nachhaltiger gestalten zu können, sondern auch das Potenzial, die Produktionskosten deutlich zu senken.

In einer Gesellschaft, die den Fokus immer stärker auf grüne und nachhaltige Produkte legt, wird dies eine der zukünftigen Herausforderungen für produzierende Firmen sein, nicht nur in der chemischen Industrie. Da Peptide in wichtigen Bereichen wie der Pharma- oder Kosmetikbranche eingesetzt werden, bietet die von Sulfotools entwickelte Technologie produzierenden Firmen eine Möglichkeit, ihre umweltverträgliche Zukunftsplanung zu unterstreichen und sich dadurch von anderen Mitbewerbern auf dem Markt abzuheben.

 

Welches Geschäftsmodell steckt hinter Ihrem Vorhaben?

Unsere Zielsetzung ist die langfristige Verdrängung der umweltschädlichen Syntheseverfahren durch die Clean Peptide Technology. Monetarisiert werden soll die Technologie durch eine Mischung aus Lizenz- und Produktgeschäft. Wir haben eine schrittweise Markteinführung ab 2017 geplant, können aber an dieser Stelle aus verständlichen Gründen nicht zu sehr ins Detail gehen.

 

Was ist dabei Ihr Alleinstellungsmerkmal?

Die von Sascha entwickelte und patentierte „Clean Peptide Technology (CPT)“ ist nach unserem Wissensstand bisher die einzige Möglichkeit, die Peptidsynthese im industriellen Maßstab in Wasser durchführen zu können. Natürlich gibt es auch von weiteren Forschungsgruppen Anstrengungen, eine geeignete Methode zu entwickeln, die teilweise auch in entsprechenden Fachzeitschriften publiziert wurden. Doch diese Methoden beschränken sich ausschließlich auf den akademischen Bereich, da die gewählten Ansätze entscheidende Nachteile aufweisen, die ein entsprechendes Scale-Up in den industriellen Maßstab verhindern. Zurzeit arbeiten wir mit Partnern aus der Industrie an einem Übertrag unserer Technologie vom Labor- beziehungsweise Technikum Maßstab in den industriellen Maßstab.

Da unsere Methode als eine Plattformtechnologie entwickelt wurde, besteht außerdem noch die Möglichkeit, diese auf weitere Gebiete auszudehnen. Wir beschränken uns hier also nicht nur auf die Peptidproduktion, sondern können diese auch auf Aufgabenstellungen z.B. aus dem Bereich der Biotechnologie und allgemein der chemischen Synthese ausweiten.

 

Welchen Tipp haben Sie für Gründerinnen und Gründer in der Green Economy?

Roman Herzog sagte einst in seiner Berliner Rede 1997: „Die Innovation entscheidet über unser Schicksal.“ Vertraut in euch und eure Technologie, euer Produkt, eure Ansätze oder eure Visionen. Wenn ihr das nicht tut, dann wird es auch kein anderer tun.

Unkonventionelle Lösungen erfordern den Mut sich über althergebrachte Meinungen hinwegzusetzen und Hürden zu nehmen, die auf den ersten Blick vielleicht viel zu hoch erscheinen. Dabei helfen werden euch gute Netzwerke, mit denen ihr über eure Ideen diskutieren könnt - das kann auch ein Kumpel an der Bar bei einem Bierchen sein. Es ist manchmal sehr überraschend, was für ein Input über Dritte kommen kann, die zunächst nichts mit eurem Projekt zu tun haben.

Nehmt Hilfe an, bleibt neugierig und lasst euch nicht unterkriegen.

 

Warum wollen Sie den StartGreen Award 2015 gewinnen?

Wir wollen den Start Green Award gewinnen, weil wir zeigen möchten, dass es auch in so einem verschrienen Sektor wie der chemischen Industrie möglich ist, für etablierte Prozesse moderne und ressourcenschonende Alternativen zu finden, die beweisen, dass Nachhaltigkeit und Kostenoptimierung sich nicht ausschließen.

Die Chemie ist viel mehr als das „was knallt und stinkt“ und bietet kreativen Vordenkern einen breiten Gestaltungsfreiraum. Wir von Sulfotools sind überzeugt von unserer nachhaltigen Plattformtechnologie und möchten andere junge Leute dazu ermutigen, ihre Idee in die Tat umzusetzen, denn leider gibt es in diesem Bereich noch viel zu wenige Start-Ups!


1 Kommentar

StartGreen Magazin Chemie Start-up


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  • Dirk Goeman am 20. November 2015 18:31 Uhr

    Liebe Sulfotools, herzlichen Glückwunsch zum Award. Euer Einspielfilm war mit Abstand der Beste (obwohl auch wir uns Mühe gegeben haben). Gerade wegen des Films würde ich mich noch einmal über eine Rückmeldung von Euch freuen, denn ich würde so einen Film auch ganz gerne über Emission Partner drehen lassen. Vielleicht könnt Ihr mir ja mal eine mail an dirk.goeman@emission-partner.de schicken. Darüber würde ich mich freuen. Euch weiterhin alles Gute, gruß Dirk Goeman Emission Partner.

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