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Korrekt angezogen: Grüne Start-ups verändern die Bekleidungsbranche

© Qmilch

Redaktion


T-Shirts für drei Euro, Jeans für zehn – bei diesen Preisen bleiben nicht nur ökologische Standards auf der Strecke. Spätestens seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch 2013 rücken auch die sozialen Umstände in der Textilindustrie in den Fokus. Immer mehr Kunden ist es nicht egal, ob ihre Kleidung lebensgefährlich ist für sie selbst oder für die, die sie herstellen.

Für Start-ups lohnt es sich deshalb, gerade jetzt grüne Ideen rund um Kleidung und Schuhe zu entwickeln. Mit innovativen Technologien für die Herstellung von Materialien können sie die Bekleidungsbranche revolutionieren.

 

Kork statt Mord

„Kork statt Mord“, mit diesem Slogan wirbt das Start-up Bleed Clothing aus Oberfranken für seine Kollektion veganer Streetwear aus Kork. Das soll nicht nur Tiere schützen, sondern auch Korkbauern aus Portugal und Spanien. Seit dem Umstieg vieler Weingüter auf Drehverschlüsse oder Kunststoffkorken sinkt ihr Absatz. Die traditionellen Korkeichenwälder sind von Waldbränden bedroht: Und damit auch seltene Tierarten, die hier leben.

Bleed Clothing entwickelte eine Technologie, um aus Kork ein lederähnliches Material herzustellen. Dafür wird Kork gepresst und in dünne Scheiben geschnitten und schließlich auf Baumwolle geklebt. Im September 2015 sollen die ersten rundum korrekten Korkleder-Outfits an die Kunden ausgeliefert werden.

 

Milch zieht an

Die Firma Qmilch IP GmbH aus Hannover will aus Milch Fasern für die Textilherstellung gewinnen. Das Start-up entwickelte dafür eine Textilfaser bestehend aus dem Milcheiweiß Kasein. Gewonnen wird das Kasein aus Rohmilch, die nicht mehr als Lebensmittel verwendet werden darf und ansonsten entsorgt werden würde. Das sind in Deutschland immerhin zwei Millionen Liter pro Jahr – Stoff für sehr viele Shirts ganz ohne Pestizide oder Zusatzstoffe.

Die Textilindustrie ist begeistert und überschüttet das Start-up mit Anfragen. Auch die Kunststoffindustrie ist an dem Biopolymer interessiert. Im nächsten Jahr sollen die ersten innovativen Milch-Produkte den Markt erobern.

 

Vegan mit Stil

Wer vegan leben will, kennt das Problemfeld Schuhe: Vegane (Kunst)Lederschuhe zu finden, die auch noch gut aussehen, ist eine Herausforderung. Das Berliner Start-up FreiVon suchte deshalb über Crowdfunding Finanzierung für nachhaltig produzierte, vegane Lederschuhe, die auch modisch etwas hermachen. Im Gegensatz zu bisherigen Produkten für die vegane Kundschaft besteht das „FreiVon“ Material zu 40 Prozent aus erneuerbaren Rohstoffen.

Produziert wird in Pirmasens (Deutschland). Das Gründer-Team will darüber hinaus der Wegwerfgesellschaft den Kampf ansagen: Von der Sohle bis zum Senkel sollen ihre Schuhmodelle in Zukunft komplett wiederverwertbar sein.

 

Einfälle statt Abfälle

Wiederverwertung ist auch das Geschäftsmodell von Start-ups, die sich dem Upcycling verschrieben haben. Egal ob Taschen aus Taxischildern oder Portemonnaies aus Milchkartons: Bei Upcycling deluxe kann man Designersachen aus Materialien kaufen, die andere als vermeintlichen Abfall entsorgen. Das Start-up aus Berlin bietet Design-Produkte aus wiederverwendeten Materialien aus der ganzen Welt in einem Concept-Store und einem Online-Shop an.

Einfälle statt Abfälle - das ist das Motto des jungen Unternehmens. In den Vertrieb aufgenommen werden deshalb ausschließlich sozial und ökologisch nachhaltige Hersteller mit fairen Arbeitsbedingungen: Upcycling als Einkaufen ohne schlechtes Gewissen. Die Gründer halten dafür engen Kontakt mit Produzenten und Lieferanten weltweit und besuchen sie auch vor Ort. Als Hilfsprojekt will sich Upcycling deluxe nicht verstehen: Ins Portfolio aufgenommen werden nur Stücke, die die Gründer auch selbst tragen würden – Akzent setzende Mode-Unikate, die einfach gut aussehen.

 

Aus alt mach Lieblingsstück

Wirklich einzigartig sind auch die Kleidungsstücke von bis es mir vom Leibe fällt. Die Idee des „Veränderungsateliers“ ist einfach: Statt nicht mehr passende Sachen zu entsorgen, kann man sie zu einem echten Lieblingsstück umarbeiten lassen. Mit Einsätzen, anderen Ärmeln oder bunten Knöpfen wird aus einem langweiligen Bürosakko ein Designerteil.

Kreativ versteckte verschlissene Stellen geben lieb gewordenen Stücken eine zweite Chance. „Vereinzigartigen“ nennt das die Gründerin Elisabeth Prantner. Wer keine Schrankleiche zum Umgestalten hat, kann aus einem kleinen Sortiment umgestalteter Kleidungsstücke wählen und staunen, was man mit Bettlaken oder Jutebeuteln alles machen kann.

 

GreenTech spart Ressourcen

Auch im internationalen Kontext setzen grüne Start-ups Trends für die gesamte Branche. So entwickelte das niederländische Unternehmen Dyecoo eine Maschine, die Fasern ganz ohne Wasser färben kann. Eine echte Revolution für die wasserdurstige Textilindustrie. Verwendet wird stattdessen flüssiges Kohlenstoffdioxid, der den Farbstoff mit hohem Druck auf eine Textilrolle aufbringt. Das CO2 kann zudem zu 95 Prozent wiederverwertet werden.

Nach einer günstigeren und nachhaltigeren Alternative zu Leder suchte die spanische Designerin Carmen Hijosa und begann, mit Ananasblättern zu experimentieren, die bei der Ernte übrig bleiben. Heraus kam das Material Piñatex (Piña bedeutet auf Spanisch Ananas), das sie mit ihrem Startup Ananas Anam vermarktet. Firmen wie Puma oder Camper haben das Fruchtleder für Musterschuhe bereits getestet.

 

Hose für die Biotonne

Arbeitshosen, die man in der Biotonne entsorgen kann? Diese Vision hatten die Schweizer Brüder Markus und Daniel Freitag, deren Taschen aus Lastwagenplanen längst Kult sind. Sie entwickelten eine Kollektion aus Materialien, die gleichzeitig robust und zu 100% kompostierbar sind.

Alle Rohstoffe kommen zudem aus europäischer Herstellung – in einem Umkreis von maximal 2.500 Kilometer vom Züricher Firmensitz. Das ist ein echtes Novum in einer Branche, in der eine Jeans etwa 50.000 Kilometer zurücklegt, bis sie über den Ladentisch wandert.

 

Nachhaltige Mode: Fünf Tipps von Stefan Korn, Co-Founder Upcycling Deluxe

  1. Kunden durchschauen „Greenwashing“. Nachhaltigkeit nicht behaupten, sondern belegen. Kontakte zu Produzenten und Lieferanten vor Ort pflegen.
  2. Klare Kommunikation des Alleinstellungsmerkmals ist entscheidend für den Geschäftserfolg. Online auf verschiedenen Plattformen präsent sein. PR als Geschäftsbereich begreifen.
  3. Netzwerken! Meetups als Erfahrungsplattform nutzen. Mitstreiter finden, um Öffentlichkeit für das eigene Thema zu schaffen. 
  4. Das Rad nicht neu erfinden. Vorhandene Tools analysieren und einbinden. Prozesse von Anfang an standardisieren. Verantwortliche im Unternehmen festlegen. Frühzeitig die richtige Rechtsform wählen. (GmbH kann sich lohnen.)
  5. Frühzeitig guten Steuerberater finden. Expertenwissen einkaufen. Kosten werden durch die eigene Motivation für den kreativen Teil der Arbeit wieder ausgeglichen.

www.upcycling-deluxe.com


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