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Sanfter Tourismus in Italien: amavido im Interview

© amavido

Redaktion

amavido: Sanfter Tourismus statt Massentourismus

 

amavido ist eine Slow-Travel-Internetplattform, mit deren Hilfe Reisende italienische Dörfer im Einklang mit den Gastgebern von Unterkünften entdecken können. Das Ganze soll dazu beitragen, die Landflucht einzudämmen und die Dörfer in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Durch amavido wird Reisenden die Möglichkeit gegeben, einen Urlaub abseits des Massentourismus zu erleben. Im Rahmen unseres Projektes StartGreen@School hat die Mitgründerin Maja im Juli eine Präsentation gehalten - wir haben sie nun für ein Interview getroffen.

 

Was genau hat euch dazu bewegt, amavido zu gründen?

Unser Vater kommt aus einem kleinen Dorf in Italien und dort waren wir als Kinder sehr oft, um die Familie zu besuchen. Wir waren immer sehr begeistert von der ländlichen Seite Italiens und was man dort alles machen kann, z.B. bei der Orangenernte helfen. Wir fanden einfach das Leben, das dort ganz anders als in der Stadt ist, sehr erholsam. Wir haben allerdings gemerkt, dass neben der Schönheit auch viele Probleme existieren. Vielerorts herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit und immer mehr Menschen wandern in die Städte ab. Das führt dazu, dass vor Ort Kultur und Landschaft immer mehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Später haben wir ein Haus dort geerbt und hatten anschließend die Idee, dass es schön wäre, wenn auch andere Leute diese kleinen Orte entdecken könnten. Wir wollten es anderen ermöglichen, das zu erleben, was wir haben. Damit war der Gedanke von amavido geboren. Als wir dann unsere Mitgründerin Lucia kennengelernt haben, die seit Jahren im Bereich des nachhaltigen Tourismus arbeitet, sind wir darauf gekommen eine Plattform zu gründen, auf der sich Gastgeber registrieren können, um ihre Unterkünfte anzubieten.

 

Welche Mission verfolgt amavido? Und auf welche Weise leistet diese einen positiven Beitrag für die Gesellschaft und Umwelt?

Die Mission in einem Satz: make tourism more human. Wir wollen den Tourismus mit der lokalen Bevölkerung auf eine Augenhöhe bringen. Reisende sind keine Touristen, sondern Gäste und Gastgeber sind keine Dienstleister, sondern Leute, die ihre Gäste empfangen. Wir führen nur familiengeführte Unterkünfte, sodass das Geld in der Wirtschaft bzw. im Land oder Ort selbst bleibt. Es handelt sich um sanften Tourismus, bzw. Slow Travel. Das bedeutet, man lässt sich auf die Kultur vor Ort ein und diese Kultur wird nicht künstlich für die Touristen verändert. Für mich bedeutet Slow Travel, in ein Land oder an einen Ort zu reisen und sich von diesem Ort treiben zu lassen. Man lässt alles auf sich wirken und teilt mit den Gastgebern das Leben dort. Man taucht in die Kultur ein und rast nicht einfach nur durch das Land und klappert alle Highlights ab. Bei Slow Travel soll auch die Anreise miteinbezogen werden, sodass man hier schon das „sanfteste“ raussucht. Das Thema Anreise ist noch ein relativ komplexes Thema, bei dem wir auch gerade weitere Ideen entwickeln. Zum Beispiel könnte man in kleineren Etappen anreisen, die man auch mit dem Zug erreichen kann. Eine andere Idee ist, dass man CO2 kompensiert, indem man direkt Projekte unterstützt, welche auf unsere Vision und damit den Aufbau von nachhaltigen Dörfern abzielen.

 

Und was ist langfristig gesehen eure große Vision?

Unser großer Traum ist, dass Dörfer wiederbelebt werden und dass neues Leben und neue Ideen entstehen. In Zukunft möchten wir erreichen, dass Leute vor Ort ihre Landhäuser und Unterkünfte, die sie nicht mehr haben wollen, spenden können. Daraufhin können sich Leute, die eine Projektidee haben, bewerben. Diese werden dann von der Crowd ausgewählt und finanziert. Anschließend sollen die Bewerber ihre Projekte dort aufbauen und bei amavido wieder anbieten. dadurch sollen verlassene Ortschaften wieder aktiviert werden. Das ist unsere langfristige Vision, die wir dieses Jahr anfangen wollen zu verwirklichen.  

 

Wie sieht euer Geschäftsmodell aus und was ist euer Alleinstellungsmerkmal?

Das Geschäftsmodell ist provisionsbasiert. Das bedeutet, wir nehmen eine Provision von den Reisen, die wir anbieten. Zum Alleinstellungsmerkmal: es gibt relativ viele Reiseanbieter, die individuelle Erlebnisse anbieten - jedoch meist in klassischen touristischen Gebieten. Bei uns gibt es keine massentouristischen Ziele. Was wir machen wollen, ist Richtung social impact zu gehen, aber trotzdem auch individuelle Reiseangebote miteinzubeziehen. Bei uns sucht man sich nicht selber seine Reise raus, sondern man sagt uns, was einem gefällt, indem man den Fragebogen auf unserer Seite ausfüllt. Anschließend gehen wir auf die angegebenen individuellen Bedürfnisse ein und bauen daraufhin eine Travelstory, die man buchen kann.

 

Zum Thema Finanzierung: Wie habt ihr euch am Anfang finanziert und wie seid ihr jetzt finanziell aufgestellt?

Ganz am Anfang haben wir alle ohne Geld gearbeitet und hatten ein bisschen Unterstützung von unserer Familie. Im Februar 2016 haben wir dann eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, bei der wir die ersten Gelder gesammelt haben. Anschließend haben wir unsere erste Finanzierungsrunde erhalten, die zum einem aus einer Förderung in Brandenburg (Gründung innovativ), aus einem Business Angel und einem Bankkredit von der GLS Bank bestand. Für Ende des Jahres bereiten wir nun unsere nächste Runde vor.

 

Was waren eure größten Herausforderungen am Anfang?

Gerade am Anfang steht man in dem Zwiespalt, dass man seine Vision durchsetzen will, aber auch gucken muss, wie das finanziell alles machbar ist, ohne dass man am Ende bankrott ist. Man muss einen Ausgleich zwischen seiner Vision und dem, was realistisch ist, finden, ohne aber dabei die Vision zu verlieren. Eine weitere Herausforderung war ein stabiles Team aufzubauen. Am Anfang waren wir sieben Gründer und jetzt sind wir nur noch drei. So ein Start-up nebenher aufzubauen ist nicht leicht und auch nicht jedermanns Sache. Man braucht auf jeden Fall Durchhaltevermögen und hat viel Vorarbeit, bis sich überhaupt die ersten Erfolge zeigen. Dies ist, denke ich, die größte Herausforderung für jeden, der ein Start- up gründen möchte.

 

Und wie habt ihr eure ersten Kunden gefunden?

Die allerersten Kunden waren aus unserem Bekanntenkreis. Durch das Cowdfunding kamen dann die ersten Kunden von außerhalb dazu. Anschließend haben wir viel PR gemacht, sodass immer mehr Kunden kamen. Neben Mund-zu-Mund-Propaganda setzen wir nun auch klassischeres Marketing ein.

 

Kann sich bei euch jeder eine Reise leisten oder zielt ihr auf eine bestimmte Zielgruppe ab?

Bei uns kann sich jeder eine Reise leisten. Wir haben ganz verschiedene Gastgeber, ganz verschiedene Orte und ganz verschiedene Unterkünfte. Man kann beim Ausfüllen des Fragebogens angeben, wie viel Budget einem zur Verfügung steht, damit wir dann das richtige raussuchen können. Generell gilt natürlich, dass Qualität seinen Preis hat. Bei günstigeren Unterkünften ist dann zum Beispiel kein Pool dabei, sondern man wohnt dann zwar einfacher, aber trotzdem super gemütlich. Viele Gastgeber haben kleine B&Bs, die vielleicht nicht so komfortabel, dafür aber sehr gemütlich und persönlich sind. Für Leute, die mehr Komfort und Service wollen, gibt es dann die etwas teureren Unterkünfte.

 

So zu guter Letzt: was ist denn dein Lieblingsspot in Italien?

Bisher hat mich am meisten Graniti auf Sizilien beeindruckt. Die Unterkunft dort wird von einem sehr netten Ehepaar aus der Schweiz geführt, wobei der Mann ursprünglich aus dem Ort selbst kommt. Die beiden sind so ein bisschen unser Musterprojekt, da sie eine lokale Produktion unter Slow-Food Gesichtspunkten aufgebaut haben und auch das gesamte Dorf motiviert haben, Häuser für Unterkünfte zu renovieren und frischen Wind reinzubringen. Zum Beispiel können Künstler bei ihnen einen Monat umsonst wohnen und im Gegenzug bemalen die Künstler Häuser, die nicht mehr genutzt werden, und machen daraus Kunstwerke. Ein wirklicher Geheimtipp!

 

 

Weitere Infos findet ihr auf http://amavido.de

 


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